header image
Dramaturgie
4. Dezember 2006

Darstellendes Spiel – dramatisch lernen

TAGGS hat keine Regisseure, aber Spielleiter. Das liegt daran, dass unsere Theaterabende aus der unterrichtlichen Arbeit im Fach Darstellendes Spiel (DS) herauswachsen. Natürlich geht das Engagement der Beteiligten weit über den regulären Unterricht hinaus, schließlich hat die Verschränkung von Unterricht und sinnvoller Freizeitgestaltung lange Tradition am Goethe-Gymnasium Schwerin. Aber die herausragende Qualität der Ensembleproduktionen der Schultheatergruppen ist nur zu halten durch kontinuierliche Arbeit im DS-Unterricht.

Was das ist? Theaterspielen als Schulfach. Als Fach mit stark spielfördernden und dramaturgisch orientierten Methoden. Ein Schulfach, welches in Mecklenburg- Vorpommern noch in den Kinderschuhen steckt, obwohl es in verschiedenen Altbundesländern wie Hessen, Hamburg und Bayern seit 20 Jahren etabliert ist. Es ist ein künstlerisch-ästhetisches Fach wie der Musik- und Kunstunterricht. Ebenso wie im Musikunterricht nicht vorrangig Berufsmusikerlaufbahnen angebahnt, im Fach Kunst nicht unbedingt zukünftige Maler und Grafiker ausgebildet werden, so geht es im DS nicht um einen Vorkurs für die einschlägigen Schauspielschulen.

Und wir streiten für dieses Fach seit Jahren, denn wir meinen, dass dieses Fach sehr gut ins Konzept einer modernen Schule passt, weil es einerseits den Einzelnen in seiner Individualität besonders fördert, andererseits aber die Teamfähigkeit wie kein anderes Fach schult.

Zum einen vermittelt dieses Fach natürlich Wissen um Theatergeschichte und -praxis, Dramentheorie und theaterwissenschaftliche Zusammenhänge. All diese Kenntnisse werden stets in der eigenen Erarbeitungspraxis der Schülerinnen und Schüler vermittelt, dadurch bleibt dieses Wissen nachhaltig haften. Wer in der Schule DS hatte, wird später oft zum interessierten und differenziert wertenden Kultur- und Theatergänger.

Zum anderen entwickelt der DS-Unterricht natürlich vielfältige Fähigkeiten, die die Schülerinnen und Schüler kompetent im Umgang mit anderen und sich selbst machen. Zielgerichtet wird an der Entwicklung des freien, deutlichen und auf einen Partner bezogenen Sprechens gearbeitet, die Schülerinnen und Schüler lernen ihre Körpersprache zu verstehen und einzusetzen, gezielte Übungen sollen Publikums- und Öffentlichkeitsängste abbauen helfen. Nicht zuletzt liefert DS einen gewichtigen Beitrag zur Verbesserung von Ausdauer und Motorik.

Zum Dritten aber ist DS wie keinem anderen Fach wesenseigen, Sozialkompetenz zu fördern, weil im DS-Unterricht immer an Projekten gearbeitet wird, die in einer kleinen oder größeren Präsentation für eine Öffentlichkeit gezeigt werden sollen. Und diese gelingt nur, wenn die Spielgruppe zusammenarbeitet bis zum Schluss, gemeinsam Arbeitskrisen und Schwierigkeiten überwindet, Organisationsprobleme meistert und jede Menge Verantwortung übernimmt. Am Schluss steht nicht die Note (obwohl auch diese vergeben wird, um individuelle Lernfortschritte zu dokumentieren), sondern die Präsentation. Also eine echte Kritik durch das Publikum, was will man mehr.

Und ganz nebenbei: der Applaus für die erbrachten Gruppenleistungen, die Erinnerung an endlose Dramaturgiediskussionen und lustvoll erlebtes Theaterspiel färben die spätere Einstellung zum Thema Schulzeit erheblich. Aber weil die meisten Erwachsenen diese Arbeit aus eigener Schulzeit nicht kennen, gibt es da auch manch schrägen Blick… Kuschelpädagogik? Spielkram? Die Antwort muss lauten: Nein.

Wer DS in der Schule gehabt hat, wird dies später nicht nur bei Kundengesprächen, in der Vortragsgestaltung und beim Projektmanagement dankbar erinnern – Selbstsicherheit, Kommunikationsvermögen, Selbstbewusstsein – das ist erlernbares Rüstzeug. Beispiele dafür, dass DS nicht vorrangig die künstlerische Ader, sondern vor allem lebenspraktische Fähigkeiten fördert, gibt es aus der Praxis der Schultheaterarbeit mehr als genug.